Da blickt uns ein grimmig drein schauender Mann auf dem schwarz-weißen Cover an, der einen Oberlippenbart trägt und nach Infos der Plattenfirma vorher mit der Hard Rock-Band "
Attila" gespielt hat - welche Musik kann man von ihm wohl erwarten? Die Antwort gibt er bereits auf dem ersten Track "She's Got A Way" unmissverständlich: Lupenreinen Singer-/Songwriter Folk-Pop. Mit kleiner Besetzung in einem Studio in Los Angeles aufgenommen, dauerten die zehn Songs gerade mal eine gute halbe Stunde - aber doch ist jeder Song eine Perle.
Insbesondere der Opener "She's Got A Way" und "Everybody Loves You Now" wurden zu Klassikern - das ist von daher umso erstaunlicher, als das Album eine lange Leidensgeschichte hinter sich hat. Der Produzent Artie Ripp hatte Billy Joel 1971 unter Vertrag genommen und mit ihm einen vertrag über zehn (!) Alben geschlossen. Allerdings begann die Zusammenarbeit schon problematisch: Aufgrund eines technischen Versehens wurden die Produktionsbänder zu "Cold Spring Harbor" zu schnell überspielt, so dass Billy Joels Stimme auf allen Songs etwas zu hoch kam. Gleichzeitig wurde eine große Plattenfirma ("Columbia") auf Joel aufmerksam und legte ihm einen neuen, deutlich besser dotierten Vertrag vor.
Das Ergebnis war, dass Billy Joel zwar zu "Columbia" wechselte, Artie Ripp allerdings noch Jahre lang an Joels Platten mitverdiente. 1983 sorgte er dann auch für eine Wiederveröffentlichung von "Cold Spring Harbor". Allerdings sorgte er nicht nur dafür, dass die Bänder diesmal mit der richtigen Geschwindigkeit überspielt wurden, er nahm auch einige Veränderungen in der Instrumentierung und Abmischung (insbesondere bei den Songs "Turn Around" und "Everybody Loves You Now") vor - und kürzte sogar "You Can Make Me Free" von ursprünglichen 5:40 Minuten auf "rdaio-kompatible" drei Minuten oder beschnitt "Why Judy Why" um eine knappe Minute. Joel selbst wirkte an der (Wieder-)Veröffentlichung nicht mit, obwohl sie inzwischen ebenfalls bei "Columbia" erschienen ist...